Farbe und Weißabgleich

Bei der analogen Fotografie leistet die neutrale Graukarte gute Dienste, wenn es um die Messung der optimalen farbgetreuen Belichtungswerte geht. Um das Messen mit der Graukarte zur Ermittlung der Zeit-/Blendenkombination kommt auch der Digitalfotograf nicht herum. Die »richtige« Farbgebung im Bild steuert er dagegen mittels Weißabgleich.

 

Stichworte aus dem Inhalt

Farben

Farbtemperatur

Kelvin

Weißabgleich (White Balance, WB)

 

 

Der Weißabgleich in der Digitalkamera bewirkt, dass die drei Farbkanäle Rot, Grün und Blau so aneinander angeglichen werden, dass weiße Bildteile eines Motivs ohne Farbstich wiedergegeben werden. Es wäre ja auch zu schade, wenn der blaue Himmel im Bild grünlich leuchtet oder der Teint des Modells dank Glühbirnenlicht purpur schimmert. Verantwortlich für falsche Farben oder Farbstiche sind in der Regel die unterschiedlichen Charakteristika verschiedener Lichtquellen, die das Motiv beleuchten. Glühlampenlicht mit etwa 2900 Grad Kelvin hat beispielsweise eine geringere Farbtemperatur als Tageslicht mit etwa 5500 Kelvin. Generell gilt: Je niedriger die Farbtemperatur, desto rötlicher, und je höher die Farbtemperatur, desto bläulicher wirkt das Motiv auf dem Foto. Abbildung 2.25 zeigt einige typische Lichtsituationen und die dazugehörenden Farbtemperatur in Grad Kelvin.

Wege zum korrekten Weißabgleich

Vier Wege führen bei den Digicams zum Weißabgleich: Der automatische Weißabgleich (AWB, Automatik White Balance) ermittelt anhand der Farbcharakteristika des Motivs, welche Lichtquelle vorliegt und welcher Weißabgleich zur richtigen Farbe führt. Erkennt die Kamera beispielsweise ein Motiv im Sonnenschein, dann wird dieses in warmen Farbtönen wiedergegeben. Das klappt in der Regel mit den unterschiedlichsten Motiven und Lichtstimmungen einwandfrei. Nachteil der Automatik: Sie versagt bisweilen bei Mischlichtsituationen, also dann, wenn verschiedene Lichtquellen das Motiv beleuchten.

Der zweite Weg führt über voreingestellte Werte, die bereits in die Kamera einprogrammiert sind. Typische Lichtsituationen werden dabei mit Weißabgleichseinstellungen verknüpft. Viele Digitalkameras bieten beispielsweise Weißabgleiche für Sonnenlicht, Schatten, Blitzlicht, Leuchtstoffröhren und Glühlampen. Dabei regelt die Kameraelektronik die Farbwiedergabe nicht nur mit einem Fixwert, sondern kann in einem gewissen Farbtemperaturbereich flexibel auf die Lichtsituation reagieren, denn das Tageslicht am Mittag ist ein anderes als am Abend, und die 25-Watt-Glühbirne erfordert eine andere Einstellung als die stärkere 100-Watt-Variante.

Apropos Glühbirne: Bei diesem Weißabgleich ist bei den Digitalkameras nicht die Schreibtischleuchte gemeint, sondern die Halogen-Filmleuchte mit einer Farbtemperatur zwischen 3.200 und 3.400 Kelvin.

Der dritte Weg zum Weißabgleich: Bei fast allen digitalen Spiegelreflexmodellen (SLRs) kann die Farbtemperatur der Lichtquelle auch über Kelvinwerte im Bereich von 2.800 bis 10.000 Kelvin eingegeben werden. Dies ist allerdings nur dann praktikabel, wenn diese bekannt sind oder gemessen werden können. Die wichtigsten Kelvinwerte finden sich in der Tabelle, doch diese können nur als Richtwerte dienen. Bedenkt man, dass die Lichttemperatur einer Glühbirne nicht nur von der Wattzahl, sondern auch von der Färbung des Birnenglases und dem Alter der Wolframfäden abhängt, wird klar – nur wirklich ausgemessenes Licht bringt farbrichtige Ergebnisse. Das Fotografieren mit festen Kelvinwerten ist dann zu empfehlen, wenn mit konstanter Farbwiedergabe gearbeitet werden soll.

Der vierte Weg und zugleich Königsweg heißt: manueller Weißabgleich. Mischlichtsituationen, also wenn Lichtquellen mit unterschiedlichen Lichtquellen ein Motiv beleuchten, stellen für die ersten beiden automatischen Weißabgleichsvarianten eine Herausforderung dar, die nicht immer zufriedenstellend gemeistert wird. Wie so oft gilt auch an dieser Stelle: Automatiken sind gut, manuelle Einstellungen mit dem notwendigen Know-how sind besser.

Im Gegensatz zum automatischen Weißabgleich, bei dem der hellste Motivpunkt von der Kamera als Weiß festgelegt wird, legt der Fotograf beim manuellen Weißabgleich selbst fest, welcher Bereich seines Motivs als Weiß zu gelten hat. Für den manuellen Weißabgleich wird etwas Weißes als Referenz benötigt – die Videotechnik lässt grüßen. Ein Blatt weißes Papier ohne optische Aufheller und ohne reflektierende Oberfläche ist optimal geeignet. Diese wird formatfüllend unter den gegebenen Lichtverhältnissen nahe am Motiv abfotografiert. Dann wird in der Menüsteuerung die Option »Manueller Weißabgleich« angewählt. Die Aufnahme des weißen Blattes wird dann als Referenzweiß ausgewählt. Die Kameraelektronik errechnet auf diese Weise die korrekten Einstellungen für die tatsächlichen Lichtverhältnisse. Anschließend wird noch aus den Voreinstellungen der manuelle Weißabgleich eingestellt. Die Werte für den manuellen Weißabgleich bleiben so lange erhalten, bis eine neue Referenz für Weiß abfotografiert und wie beschrieben eingestellt wird. Der Praxis-Tipp »Manueller Weißabgleich« fasst die Arbeitsschritte nochmals kurz zusammen.

Bewusste Manipulation

Hin und wieder ist die korrekte Einstellung der Kamera nicht die beste Wahl. Bewusste Verstöße gegen die neutrale Farbwiedergabe durch einen »falschen« Weißabgleich oder abweichende Kelvinwerte erzeugen ungewöhnliche Lichtstimmungen, die die Bildaussage unterstützen können. Aufnahmen bei Kerzenschein erscheinen zum Beispiel in einer warmen, goldenen Lichtstimmung, wenn der Weißabgleich für »Tageslicht« oder »Wolken« gewählt wird. Architekturaufnahmen erstrahlen in einem kühlen, technischen Licht, wenn der Weißabgleich auf »Glühlampen« eingestellt wird. Auch so manche Porträtaufnahme wirkt mit bewusst verschobenem Weißpunkt überraschend anders – einfach mal ausprobieren. Im Aufnahmemenü so mancher Kamera findet sich deshalb die manuelle WB-Korrektur, die sowohl für Einzelaufnahmen wie für das WB-Bracketing eingestellt werden kann. Mittels Tastendruck kann im eingeblendeten Koordinaten-System die Farbkorrektur eingestellt werden. Die Abkürzungen B für Blau, G für Grün, A für Gelb (Amber) und M für Magenta helfen bei der Findung der entsprechenden Farbkorrektur, der Zahlenwert im mit »Shift« gekennzeichneten Informationsfeld gibt Auskunft über die Stärke der Korrektur. Noch mal mehr Möglichkeiten bietet das WB-Bracketing. Damit werden statt einer Aufnahme gleich drei belichtet – mit den eingestellten Korrekturen des Weißabgleichs. Diese Korrekturen können entweder an der vertikalen oder auch an der horizontalen Achse des Koordinatensystems ausgerichtet werden.

Der Weißabgleich kann auch nachträglich mit einer Bildbearbeitungssoftware am Computer durchgeführt werden. Uneingeschränkt zu empfehlen ist dies aber nicht, da mit jeder Korrektur ein Stück vom Tonwertumfang des Bildes verloren geht. Im Extremfall können helle Bildelemente »ausfressen« oder dunkle Bildpartien absaufen. Besser ist, direkt farblich korrekt zu fotografieren.

Fazit

Für die bei normalem, konstantem Tageslicht aufgenommenen Bilder reicht der automatische Weißabgleich in der Regel aus. Bei Standard-Lichtsituationen führen die voreingestellten Werte meist zu guten Ergebnissen. Wer es ganz genau wissen will, der verwendet den auf die konkrete Lichtsituation abgestimmten manuellen Weißabgleich und erhält so in jedem Fall »richtige« farbgetreue Bilder. Die Graukarte hat damit zumindest für die Einstellung der Farbwerte ausgedient. Hier kommt nun ein weißes Blatt Papier zum Einsatz. Achten Sie jedoch darauf die Aufnahme des Papiers auf gar keinen Fall zu hell zu belichten, denn sonst sind keinerlei brauchbare Farbinformationen mehr vorhanden. Außerdem sollten Sie eine Graukarte mit auf die Fotopirsch nehmen, denn zum Ermitteln der richtigen Belichtung gibt es nach wie vor keine bessere Alternative.

Hinweis

Ausgenommen von all diesen Überlegungen sind Bilder, die im so genannten RAW-Modus aufgenommen wurden. Diese Rohdaten werden ohne Korrekturen und damit ohne Weißabgleich gespeichert.

Praxis-Tipp: Manueller Weißabgleich

  • Ein Blatt Papier oder etwas Vergleichbares mit weißem Referenzwert möglichst nah am Motiv platzieren. Es müssen dieselben Lichtverhältnisse herrschen.
  • Belichtung ermitteln und bei automatischem Weißabgleich ein formatfüllendes Foto machen, das auf gar keinen Fall überbelichtet sein darf.
  • Aus der Menüsteuerung der Kamera die Option »manueller Weißabgleich« wählen.
  • Das Foto vom weißen Blatt Papier als Referenz auswählen und »OK« drücken.
  • Aus den Weißabgleichsvoreinstellungen den »Manuellen Weißabgleich« wählen.
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